OLDENDORF. Mit einer vielfach ausgezeichneten Künstlerin hat der Verein zur Förderung von Kunst und Kultur in Melle e.V. seine Ausstellungssaison in der Orangerie des Gutes Ostenwalde eröffnet.
Birgit Schuh aus Dresden, die in Mainz und Berlin Kunst studierte und deren künstlerisches Können bereits
durch zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen honoriert wurde, empfahl sich durch ihre Teilnahme an der
Nord-Art, einer in der Kunstszene viel beachteten und von Künstlerinnen und Künstlern begehrten jurierten
Kunstausstellung in Rendsburg.
Schon der Titel der Ausstellung ist fast so etwas wie ein Programm.
"Bleeding sweets" - zu übersetzen etwa als "blutende Süßigkeiten" - wobei in beiden Wörtern viel von dem
mitschwingt, was die Künstlerin zum Ausdruck bringen will: Blut, Lebenssaft, Verweis auf Kreatürliches
einerseits, dann aber auch Zeichen von Verletzung, Gewalt. Süßigkeit: etwas Begehrenswertes, sinnlich Erfahrbares,
im Übermaß wiederum Unerträgliches. Ein Gegensatzpaar, das auf Brüche, Grenzen verweist, die von der Künstlerin
beabsichtigt sind.
Die Objekte zeigen deutlich, wie stark sie alle von dieser Ambivalenz geprägt sind: Mutterboden nennt sie ein Objekt,
das auf den ersten Blick wie ein romantisches, gemütliches Bett, bezogen mit dekorativer Bettwäsche, aussieht, und
erst bei näherer Betrachtung, erschließt sich dem Betrachter, was er da sieht und lässt ihn fast erschrecken: Die
naive Assoziation entpuppt sich als Latexabguss von Brustwarzen, die hyperrealistisch Darstellung mutet an wie
Hautlappen, die ihrerseits eine Fülle von Assoziationen freisetzen: Haut, Häutung, Alter, Jugend, Nacktheit - Gleiches
gilt für die Objekte an der Wand - sie alle transportieren Ambivalenzen zwischen Sinnlichkeit und Ekel, Verletzung und
Verführung.
Eva dolorosa: Arbeiten in Anlehnung an Albrecht Dürer zeigen ebenfalls jene Doppelbödigkeit: Es sind mit der
Nähmaschine auf Folie gesteppte Zeichnungen, teilweise eigenwillig verfremdet, die in einem Zuge ausgesprochen ästhetisch
und schön wirken, andererseits durch ihren Entstsehungsprozess wortwörtlich unter die Haut gehen; das zarte Transparente,
das sogar den Hintergrund der Wand durchscheinen lässt, erhält seine Brüchigkeit durch Elemente, die wie Operationsnarben
wirken, auf Verletzung verweisen.
Interessant, eigenwillig, schockierend, provozierend auch die Objekte in der Vitrine: Wieder entpuppt sich der erste Blick
als radikale Täuschung, als Trugschluss, der Betrachter sieht zunächst das, was er sehen möchte und was seinen
Sehgewohnheiten entspricht, freut sich vielleicht sogar auf den sinnlichen Genuss: hübsch angerichtete feinste Pralinen - sweets -,
liebevoll einzeln gebettet und arrangiert, stellen sich als Teile des menschlichen Körpers heraus: Lippen, Münder und Brustwarzen,
die zunächst Befremden hervorrufen.
Spätestens mit dieser Arbeit ringt die Künstlerin dem Betrachter eine Auseinandersetzung mit dem Gesehenen ab; er kann nicht
einfach nur "etwas Schönes" betrachten, sondern wird unmittelbar dazu gezwungen, sich in gewisser Weise mit sich selbst zu
konfrontieren, spiegeln die Arbeiten doch Verfallsprozesse wider, denen jeder Mensch sich zu stellen hat.
Auch die großen Bilder an der Wand, sogenannte "copy-drawings", zeigen zunächst Bekanntes: Berühmte Schönheiten, Ikonen der
Kunstgeschichte, an denen sich der Betrachter aber wiederum nicht einfach erfreuen, erbauen kann, denn sie werden ihrer Sinnlichkeit beraubt.
02.April 2009