DER SPIEGEL
Birgit Schuh, Heike Keller, Susanne Kaiser, Matthias Rummer, Gisela Weimann, Julia Ziegler
28.10. - 27.11.2009, Kunstbahnhof Dresden
Anlass der Ausstellung war Andrej Tarkowskis Film DER SPIEGEL (russ.: Serkalo), welcher in den Jahren 1973-75 entstanden ist.
DER SPIEGEL stellt eine Rückblende des Regisseurs (gest. 1986) auf dessen Lebensgeschichte dar, dessen Suche nach den Wurzeln seiner Herkunft und den Werten einer Generation. Persönlich und individuell Erfahrenes bettet Tarkowski in gesellschaftlich bedeutsame Vorgänge ein, die er durch dokumentarisches Filmmaterial, wie bspw. Kriegsbilder aus der Wochenschau oder Aufnahmen einer explodierenden Atombombe, untermauert, und führt vor Augen, wie einerseits „die kleine Zeitdimension menschlicher Einzelschicksale mit der großen Zeitskala, nach der sich Geschichte bemisst“ [1] gleichzeitig existieren können und wie andererseits historische Momente im Kontext von Naturphänomenen, welche die Zeiten überdauern, an Bedeutung verlieren.
Den Gleichzeitigkeiten innermenschlicher Vorgänge im Zusammenspiel von Gedankenwelt und äußerer Wahrnehmung nahe kommend folgt die filmische Handlung nicht den typischen Schritten einer Nacherzählung, sondern verwebt nach eigenen Zeitgesetzen Vergangenes, Gegenwärtiges und Traumhaftes. Kernthema sind die Beziehungen des Ich-Erzählers zu seiner Mutter und seiner Ehefrau – beide dargestellt durch ein und dieselbe Darstellerin (Margarita Terechowa).
Das Kraftvollste am filmischen Werk Tarkowskis – auch als Bildhauerei aus Zeit bezeichnet – sind jedoch dessen beeindruckende und geduldige, nahezu hypnotisierende Einstellungen und bewusst gesetzte Tonspuren, die sich rätselhaft zwischen die Handlungsabschnitte einfügen: im Wind wiegendes Gras, Zeichnungen da Vincis in einem vergilbten Buch, Orgelwerke Bachs, das Brennen eines Holzhauses im leisen Regen, das Bellen eines Hundes, ein aus dem Off erklingendes Gedicht ... ein Geheimnis folgt dem anderen, lässt etwas erahnen, aber nie bezeichnen. Was bleibt, ist ein stimmiges Ganzes, eine Atmosphäre, die dem fragenden Blick in sich selbst nahe kommt, durch den man wieder und wieder zu begreifen versucht, was die eigene Existenz nun eigentlich ausmacht: Ist alles unsterblich?
Die Ausstellung versteht sich nicht als Retrospektive des Films, sondern die beteiligten
Künstler wagen mit ihren spezifischen Medien einen aktuellen Blick auf dessen verschiedene Themenkomplexe. Die „Natur“ des Spiegels und dessen Kraft für Metaphern bildet Grundlage für assoziative Gedankenspiele. Tarkowski selbst befasste sich zeitlebens mit der Schöpfung von Wirklichkeiten nach freien Motiven. Durch Ausstellungen wie diese bleibt seine Gedankenwelt lebendig, denn Kreativität ist unsterblich.
Julia Kiss (Kuratorin)
[1] Andrej Tarkowski. Film als Poesie – Poesie als Film. Maja J. Turowskaja/ Felicitas Allardt-Nostitz, Bonn 1981, S. 81.
weitere Infos:
Der Spiegel